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Quartet noir
Improvisation zu viert
Der geglückte Dialog auf Anhieb bleibt immer ein Ereignis. Handelt
es sich gar um ein Gespräch im Quartett, ist er eine Rarität
- auch im weiten Feld der improvisierten Musik.
Das <quartet noir> dokumentiert mit seiner CD einen solchen Glücksfall.
Fritz Hauser (Schlagzeug) und Urs Leimgruber (Saxophon) haben im Trio
sowohl mit Marilyn Crispell (Piano) wie Joelle Leandre (Bass) gespielt.
Im Quartett jedoch trafen sich die vier, die gleichermassen aus den Quellen
des Jazz und der Neuen Musik zu schöpfen verstehen, erstmals im Mai
1998 beim Festival International de Musique Actuelle im kanadischen Victoriaville.
Und dieses Konzert ist nun auf CD erhältlich. Zwar gehen die vier
hier nicht anders vor als andere Formationen in ihrer Situation: Sie machen
zaghafte Schritte auf eine zu findende gemeinsame Basis, sie hören
sich zu, tasten ab, reagieren aufeinander, sie begleiten sich oder setzen
Kontrapunkte, verstärken die Linien oder dehnen die Dissonanzen,
es ist Miteinander und Absetzung in einem, ist Balance von kollektivem
und individuellem Klang. Das ist das Vorgehen, die Kunst der Improvisation.
Entscheidend ist aber, und hier setzt das <quartet noir> Massstäbe,
das Wie solcher Annäherung. Die Sensibilität, mit der hier die
Töne aneinander, nebeneinander, aufeinander, gegeneinander gesetzt
werden, lässt einen an blanke Nerven denken.
Der Atem der Musizierenden fliesst - auch akustisch - in den Rhythmus
ein, die Musik pulsiert im Einklang mit ihnen. Fliessend ebenfalls der
Uebergang von Geräusch und Klang, die keine unauflösbaren Gegensätze
bleiben. Und immer wieder der Wechsel zwischen ruhigem, meditativem Verweilen
und eruptiven, vitalisierenden Ausbrüchen. Die Musik des <quartet
noir> ist keine gegen das Leben abgegrenzte, isolierte Kunst-Musik,
sondern die Synthese, der Klang gewordene Beweis, dass Kunst aus dem Leben,
aus dem Alltag, in einer ort- und zeitgebundenen Konstellation - improvisierend
eben - entstehen kann. Sie ist ein weiterer Beweis, dass ein kollektiver
Klang möglich ist, ohne dass die einzelnen Stimmen ihre Eigenständigkeit
verlieren.
Basler Zeitung Magazin. Meinrad Buholzer. 1.2000
Taktlos Festival 2001
Improvisierte Kammermusik - Finale des Taktlos 2001
(...) Keine notierten Vorlagen verwendet das quartet noir, das improvisierend
eine hoch strukturierte und stets spannende Musik entwickelt. In diesem
musikalischen Viereck scheint es zwei Achsen zu geben. Die Endpunkte der
einen Geraden bilden der Innerschweizer Saxophonist Urs Leimgruber sowie
der Basler Perkussionist Fritz Hauser, ein einfallsreicher Musiker mit
einer beinahe unbegrenzten Klangfarbenpalette: Leimgruber entlockt seinen
Saxophonen einen ungewöhnlichen Katalog an Tönen, der alle Nuancen
vom leeren Atem bis zum rauen multiphonen Effekt enthält. Diese Stimuli
werden durch Hauser prompt quittiert und oft in andere Bahnen gelenkt,
Darauf reagiert die andere Achse mit vielseitigen und hellhörigen
Pianistin Marilyn Crispell und der stupenden Kontrabassvirtuosin Joelle
Leandre.
(...)
Die Musiker des quartet noir haben es geschafft, eine Klangwelt zu erarbeiten,
die nicht mehr nach experimenteller und für den Zuhörer wenig
ergiebiger musikalischer Selbsterfahrung klingt, sondern eine ganz eigene,
reife Kammermusik darstellt.
Neue Zürcher Zeitung. Nick Liebmann. 10.4.2001
Genug Altherrenmusik
Das quartet noir mit Urs Leimgruber (Saxofone), Marilyn Crispell (Piano),
Joelle Leandre (Kontrabass) und Fritz Hauser (Drums) ist eine "Supergroup"
der zeitgenössischen Improvisation. Doch im Gegensatz zu vielen anderen
"Super"-Bands, die dem Ruf ihrer einzelnen Mitglieder selten
bis nie gerecht werden, scheint dieses Quartett eine Ausnahme zu sein.
Die Qualität ihres Sets, das am Sonntagabend in der Roten Fabrik
den Schlussabend des taktlos 01 eröffnete, wurde von den zwei andern
Bands nicht annähernd erreicht.
Die Musikerinnen und Musiker sind nicht nur herausragend an ihren Instrumenten,
sondern auch in ihren interaktiven Prozessen. Hellwach agieren sie miteinander.
Wie das Quartett von seinen ersten freien Tönen innert Minuten zu
einer so satt wie filigran verwobenen Combo mutierte, war sensationell.
Dass auch spürbar wurde, wenn das konzise Interplay ausfaserte, spricht
für die Transparenz dieser Musik, die tatsächlich in jedem Moment
von allen erschaffen und in Dynamik gehalten wurde.
Offenen Zonen
Das Entwickeln, Aueinanderhalten und Zusammenfliessen der einzelnen Instrumentalstimmen
geriet so dicht, dass auf weite Strecken zwischen Improvisation und ausgeklügeltem
Partiturspiel nicht mehr zu unterscheiden war. Das war Musik in der offenen
Zone von freier Improvisation, Neuer Musik und zeitgenössischem Jazz.
Firtz Hauser tingelte in pausenlos atemberaubender Präzision. Er
schien seinen Rhythmusteppich völlig unabhängig von den andern
durchzuziehen und gleichzeitig dennoch haaargenau in harmonischer Übereinkunft
zu den jeweiligen Prozessen zu funktionieren.
Mit kraftvollem Bogenstrich und respektlosen Eingriffen erwies sich Joelle
Leandre als unabdingbarer Fels in der Brandung. Sie machte die Musik erst
richtig körperlich und gab dem Sound Wucht. Und auch Marilyn Crispell
brachte mit ihren Kaskaden und Koloraturen die drohende Abstraktion des
kollektiven Klangs in richtige Lot. In diesem dynamisch dicht verwobenen
Setting konnte sich Urs Leimgruber mit seinen Atemgeräuschen und
minutiösen Präzisionsschliffen auf Sopran- und Tenorsaxofon
zu grössmöglicher Freiheit entfalten. Er tat dies bemerkenswert
reduziert, und es war intensiv genug.
(...)
Neue Luzerner Zeitung. Pirmin Bossart. 11.4.2001
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