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Lust an Stimmengeschichten
Lauren Newton und Fritz Hauser haben einen Abend lang improvisiert.
Eindrücklich bis zum letzten Ton.
Auch improvisierte Musik, Inbegriff klanglicher Schrankenlosigkeit,
kann an Grenzen stossen. Sich in Mustern erschöpfen, nicht in fluss
kommen, sich von sich selbst entfernen. Bisweilen geschieht das abrupt,
auch mal subtil, dann wieder unabwendbar und einsichtig, manchmal auch
gar nicht. Am Donnerstagabend war nichts zu befürchten. Hindernisse
waren, wie bei jeder dieser Ausgangslagen, nur der Musiker und die Musikerin
selber. Zwei Persönlichkeiten und ihre Erfahrungen. Aber sie waren
ganz und gar durchlässig.
Beginn mit Pling
Fritz Hauser ( Perkussion) und Lauren Newton (Stimme), die
im Rahmen der Internationalen Tagung für Improvisation Luzern im
Marianischen Saal auftraten, fanden sich von der ersten Sekunde an zurecht.
Pling - begannen sie, war der Fächer geöffnet, zitterte die
Membran. Wie ein Vogel hüpfte Lauren Newton durch den lichten Schein
eines jungen Gefühls, erfand sich den Gesang. Fritz Hauser, Beschleuniger
und Besänftiger, war schon da, trommelte, griff ein, reduzierte,
nahm auf, liess ab. Ungeheuer wach und so ohne Pathos. Ein Unerschütterlicher.
Die beiden waren in gegenseitiger Einfühlung, frei
von Klischees und anderen Durchschaubarkeiten. Es war ein enorm dynamisches
und klares Agieren mit sich und dem andern. Unaufgeregt zielbewusst. Die
Klänge erstanden, die Harmonien legten Kurven, die Melodien ebneten
Dissonanzen, zart und transparent war die Gesamtwirkung. Eine lange Emotion,
durchzogen von wilden Spielen und inniger Gelassenheit. Zumindest Andeutungen
davon.
Das Stück transformierte sich in mehreren Phasen, wobei
Übergänge kaum zu erkennen waren und allfällige Gedanken,
wer nun wen jeweils wie genau beeinflusste, hinfällig wurden. Das
Finale, das sich so unvorhersehbar-folgerichtig entwickelte, war ein lang
gezogenes, beinahe sphärisches Ausbranden und Ausglimmenlassen. Ergreifend.
Silbengeraschel
Hauser spielte vor allem mit den Metallen, und wen er die
minimal vorhandenen Felle klopfte, schabte und strich, schärfte sich
die Wahrnehmung. Virtuos, präzise und gleichzeitig von einer tiefen
Sensibilität. Lauren Newton, nicht minder sensitiv und kreativ, liess
die Stimme trippeln und brabbeln, biegen und brechen, mit Lust an Silbengeraschel
und Stimmengeschichten. Wie das halt Vokalartisten so machen? Nicht Lauren
Newton. Sie sang und agierte fern von exaltiert, ganz dem Moment verpflichtet,
und dieser war da und wurde spürbar. Newton hat die hinlänglich
zelebrierten Ausdrucksspektren des zeitgenössisch-improvisierten
Gesangs zu einer eigenen Stimme verdichtet. Sie macht ihren Gesang daraus.
Und im Duo mit Fritz Hauser, wie bei diesem mit ihr, kamen die Energien
zum richtigen Zeitpunkt zusammen. So etwas hören wir dann als Musik,
die stimmt.
Neue Luzerner Zeitung / 12 Oktober 2002 / Pirmin Bossart
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